Das Projekt, die Familie, die Eingewöhnung

Hallöchen, ich dachte ich melde mich jetzt auch nochmal – bin seit Montag ja jetzt offiziell in meinem Projekt – dem INEPE Projekt, einer Schule ein Stück außerhalb von Quito. Aber zum Projekt komme ich später. Am Sonntag morgen hatten wir in der Familie erstmal unser erstes gemeinsames Frühstück, ich muss zwar ehrlich zugeben, dass ich immer noch nicht ganz durchschaut habe, wer hier mit wem verwandt ist, aber das scheint hier auch absolut egal zu sein, jeder der hier ein- und ausgeht wird wie ein Teil der Familie behandelt, was es besonders für Bianca und mich ja um einiges einfacher macht. Ich kann wirklich nur wiederholt sagen, dass die Familie uns super herzlich aufgenommen hat und es auch wirklich total egal zu sein scheint, bei wem wir zum essen hingehen, beide Familien decken einfach für uns mit und bitten uns darum, dass wir uns zu ihnen setzen. Am Sonntagmorgen war das Frühstück aber aus besonderem Anlass: eines der kleinen Mädchen aus der Familie, Dome wird sie genannt, hatte nämlich Geburtstag. Bianca und ich hatten uns schon den ganzen Samstag den Kopf darüber zerbrochen, was wir ihr schenken könnten und hatten uns schließlich für ein Einhorn, Glitzerstifte und Schokolade entschieden. Bei Dome kam das Ganze auch wirklich gut an, nur die anderen Kinder waren danach wohl etwas traurig, dass nur Dome Geburtstag hatte. Aber das legte sich über den Tag hinweg sehr schnell. Beim Frühstück wurde dann auch unser Horoskop vorgelesen, das scheint hier eine wöchentliche Tradition zu sein und da die ganze Familie sehr gespannt darauf war, war es auch sehr lustig. Nach dem Frühstück schauten Bianca und ich uns ein wenig das Viertel an in dem wir wohnen, besonders viel gibt es hier zwar nicht, aber wir haben einen süßen Platz am Fluss mit Schaukeln gefunden, bei denen wir auch gleich ein merkwürdiges Erlebnis hatten: Quito liegt auf 2800 Metern Höhe und das ist uns bisher immer mal wieder aufgefallen, da Treppensteigen hier um einiges anstrengender ist und besonders Berge hochlaufen keinen Spaß macht. Aber am Fluss dachten wir uns, dass wir doch auf dem Spielplatz mal ein bisschen Schaukeln könnten. Kaum saßen wir auf der Schaukel merkten wir, dass es eine ziemlich doofe Idee war. Denn irgendwie war das Schaukeln nicht nur unheimlich anstrengend, sondern unsere Köpfe fühlten sich durch die Bewegung an, als würden sie gleich platzen. Daher ließen wir die Schaukel ganz schnell wieder allein und beschlossen beide, dass wir, falls wir das Gefühl hätten zuzunehmen (was ich jetzt schon habe), immer schaukeln gehen würden, weil es wirklich das beste work-out hier ist, das man sich vorstellen kann!

Mittags waren wir in einem einheimischen Restaurant Fisch essen und sind dann wieder nach Hause gegangen, um uns für die abendliche Geburtstagsparty von Dome herzurichten. Dome hatte uns nämlich am Morgen erklärt, dass jeder Kleider und Krawatten tragen müsse, also packten Bianca und ich jeweils das einzige Kleid aus, dass wir dabei haben und machten uns ein bisschen schick. Als wir dann nach unten kamen, stellten wir fest, dass außer uns nur Dome und Simo (das andere Mädchen) Kleider anhatten. Aber das war nicht weiter dramatisch, nachdem wir ein bisschen aufgebaut hatten, kamen dann auch die ersten Gäste und schnell füllte sich das ganze Haus mit weiteren Familienmitgliedern – sowas nennt man eine Familienfeier! Die ganze Familie war unheimlich nett zu uns und hat uns eigentlich einfach wie einen Teil der Familie behandelt, das war echt schön! Abends sind Bianca und ich dann total erschöpft ins Bett gefallen und waren glaube ich beide sehr aufgeregt vor dem nächsten Morgen: dem ersten Tag im Projekt!

Nachdem wir gefrühstückt hatten, fuhren wir zusammen mit Valeria, eine der Frauen aus der Familie, mit dem Taxi in die Schule, wo sie uns gleich mit ins Lehrerzimmer nahm. Dort saßen Bianca und ich ein bisschen im Flur, wo wir einfach redeten und dann hieß es plötzlich, dass alle runter zur Einführungsfeier kommen sollten: die Einführungsfeier fand auf einem der Höfe der Schule statt, es war ein Lehrertisch aufgebaut, eine Fahne stand daneben und Bianca und ich wurden dazu aufgefordert, uns mit an den Lehrertisch zu setzen. Ich fand die Geste wirklich nett, kam mir jedoch ein bisschen fehl am Platz vor, da weder Bianca noch ich wirklich wussten, was hier passierte und was wir machen sollten. Im Endeffekt mussten wir einfach nur dasitzen und den Schülern zuschauen, wie sie Klasse für Klasse auf den Hof liefen und sich Reihenweise aufstellten. Alle Schüler am INEPE tragen Schuluniformen, aber es gibt zwei verschiedene, die beide mega schön aussehen! Am Montag mussten alle die „schickere“ der beiden Uniformen tragen, bei den Mädchen aus Rock und Blazer bestehend, bei den Jungs aus Hose und Sacko. Es war wirklich schön anzusehen, wie alle Schüler auf den Hof liefen, außerdem gab es musikalische Untermalung von mehreren Schülern, die an der Schule Klavier- oder Gitarrenunterricht nehmen und es gab mehrere Reden. Sogar Bianca und ich wurden mehrmals erwähnt, es ist wirklich toll, dass alle am INEPE sich so freuen zu scheinen, dass Bianca und ich dort für ein Jahr arbeiten werden.

Bei der Einführungsfeier wurde dann noch sehr festlich die Nationalhymne gesungen, was Bianca und mich ein bisschen überfordert hat, da wir beide die Wörter leider nicht konnten. Nach der Einführungsfeier hatten wir ein kurzes Gespräch mit Andrea, unserer Koordinatorin, die uns die Stundenpläne erklärte und uns auch gleich zeigte, wohin wir in unserer erste Stunde mussten. Bianca und ich waren beide ein wenig überrascht, da wir eigentlich davon ausgegangen sind, dass wir die erste Woche nur begleitend bei einem der Englischlehrer mitgehen würden, es stellte sich jedoch hinaus, dass wir direkt vom ersten Tag eigene Gruppen übernehmen sollten, mit denen wir spielerisch zusätzlich zum Englischunterricht bei den tatsächlichen Lehrern, Themen erarbeiten sollten. Da wir beide davon nichts wussten, stellte sich das Ganze als sehr anspruchsvoll heraus, da zum Beispiel ich am ersten Tag zwei Stunden mit Kindern der Segundo Classe Basica hatte, das entspricht Kindern von etwa 6-7 Jahren. Daher war es ein bisschen anspruchsvoll, sich zwei Stunden aus dem Ärmel zu zaubern, in denen man spielerisch die Kinder kennenlernen und die Kinder zum Englisch reden und lernen animieren sollte – besonders wenn man, wie ich nicht sonderlich gut Spanisch spricht und es daher mehr als einmal zu Kommunikationsbarrieren mit den Schülern und auch mit den anderen Lehrern kam. Irgendwie konnten wir uns dann aber doch verständigen und auch wenn meine Unterrichtsstunden jetzt am Anfang wahrscheinlich noch nicht sonderlich spannend oder gut sind, so hatte ich doch das Gefühl, dass die Kinder mich sofort als Schulassistenz akzeptiert haben! Und die Kinder sind auch wirklich alle superlieb! Nach dem ersten Tag aßen Bianca und ich dann noch in der Cafeteria zu Mittag und als wir nach Hause kamen, sind wir eigentlich nur noch ins Bett gefallen und haben die meiste Zeit des Nachmittags nicht viel anderes gemacht, als uns gegenseitig für die anspruchsvollen Aufgaben im Projekt in den nächsten Tag zu motivieren und Stunden für die Kinder am nächsten Tag zu planen.

So nebenbei am Rande: hier in Quito generell gibt es manche alltäglichen Dinge die uns einfach viel mehr überfordern als ich das jemals zuvor gedacht hätte – daher kam es schon zu vielen unheimlich witzigen Situationen! Zum Beispiel in der Gastfamilie ist es mir schon mehr als einmal passiert, dass ich den Wasserhahn zudrehen wollte, ihn dann wie man das in Deutschland gewohnt ist gedreht habe, und stattdessen ein riesiger Wasserstrahl in meine Richtung kam, da man Wasserhähne hier in die andere Richtung auf- und zumacht wie man das gewöhnt ist! So etwas sind zwar Kleinigkeiten, aber fallen einem hier dann doch ziemlich auf! Oder ein anderes Beispiel: am ersten Tag im Projekt hatten wir einen Schlüssel von der Familie bekommen, damit wir danach dann auch selber wieder ins Haus kommen würden und Bianca und ich standen Ewigkeiten vor der Tür, da wir sie einfach nicht aufbekamen! Irgendwann mussten wir richtig lachen und haben ganz beschämt bei der Familie geklingelt, die uns dann auch aufmachte und zeigte, wie man die Tür aufmacht: Man dreht hier statt nach links einfach den Schlüssel nach rechts! Bianca und ich machen es täglich noch falsch! Oder der Straßenverkehr hier ist einfach komplett anders als bei uns! Wenn man nicht weiß, wie das alles hier funktioniert, dann hat man als außenstehender Betrachter (ich) das Gefühl, dass Ampeln und Straßenschilder hier nur zur Deko angebracht sind. Autos hupen eher wenn sie über eine Kreuzung fahren, vielleicht um andere Straßenverkehrteilnehmer zu warnen oder einfach um andere Autos zu grüßen, das habe ich noch nicht ganz verstanden! Auch Straßenhunde scheinen hier einen großen Teil des Straßenlebens auszumachen, sie sitzen und laufen überall herum.

Aber zurück zum Projekt: bisher war ich vier Tage in der Schule und ich muss sagen, auch wenn die Arbeit bisher sehr anspruchsvoll und anstrengend ist und ich eigentlich jeden mittag bisher auf dem Bett saß und mir den Kopf darüber zerbrochen habe, was für Themen und besonders wie ich diese Themen mit den Schülern bearbeiten könnte, so macht es generell doch sehr Spaß, besonders da sowohl die Kinder als auch alle Lehrer unheimlich nett und offen sind! Das fällt jeden Tag wieder auf, wenn Kinder, die man bisher nur ein einziges Mal hatte, plötzlich auf einen zugerannt kommen, um einem etwas zu erzählen, zu zeigen oder einfach an der Hand zu packen! Insgesamt bin ich als Schulassistenz an 17 verschiedenen Klassen beteiligt, ich bin mal gespannt, wie sich alle Klassen entwickeln und was für Themen ich mit allen behandeln werde. Das Interessante an alldem ist, dass es wirklich Klassen in jeder Altersstufe sind. Ich habe 3 Kindergartengruppen, in denen ich aushelfe, die Kinder dort sind drei bis vier Jahre alt und einfach wirklich super lieb! Bisher habe ich meistens mit ihnen englische Kinderlieder gesungen, Bilderkarten gezeigt und auf Englisch erklärt oder irgendwelche Spiele mit ihnen gespielt! Bei den älteren geht es nicht mehr ganz so spielerisch zu, mit 15 jährigen Jugendlichen zum Beispiel habe ich einmal die Woche „speaking sessions“, in denen ich mit ihnen möglichst viel auf Englisch reden soll und sie zum sprechen animieren soll. Bisher hat das Ganze durch Vorstellen und Vokabelspiele ganz gut funktioniert, da muss ich mir für die nächsten Monate ein paar gute Themen raussuchen, die sie interessieren könnten! Und dann hat es natürlich noch alle Altersstufen dazwischen, mit denen ich teilweise Spiele und Themen machen soll und teilweise auch „speaking sessions“ habe. Diese Woche ging es hauptsächlich darum, dass die Kinder sich mir vorstellen sollten (natürlich auf Englisch) und ich ein paar Themen mit ihnen wiederholt habe, beziehungsweise mit den kleineren Spiele gespielt habe und sie Sachen habe ausmalen lassen. Für morgen müssen Bianca und ich nachher auch noch Unterricht vorbereiten, da wir jeder unterschiedliche Klassen haben, ist das wirklich anspruchsvoll teilweise, aber ab nächste Woche werden wir geregeltere Themen haben, denke ich. Bisher bin ich wirklich positiv in der Annahme, dass Bianca und ich schnell in das Projekt reinkommen werden – jetzt am Anfang ist es natürlich ungewohnt und anstrengend, aber allein wegen der Kinder freue ich mich auch schon auf morgen!

Ansonsten ist auch alles wirklich gut, zurzeit sind Bianca und ich meistens zu müde um irgendwas anderes als Stundenvorbereitung zu machen, aber am Wochenende wollen wir mit der Seilbahn auf einen der Vulkane hier fahren und nochmal ins historische Center von Quito gehen! Ich melde mich demnächst dann mal wieder! Bis bald!

 

 


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