Gedanken über Gedanken

Wenn man nicht aufhören kann zu denken, dann sollte man das alles manchmal einfach aufschreiben, denke ich mir. Deshalb ist inzwischen auch ein dickes schwarzes Buch mit meinen Gedanken zu jedem Tag hier gefüllt. Trotzdem hören meine Gedanken sich zurzeit einfach nicht auf zu spinnen. Und dabei geht es nicht unbedingt um irgendeinen Kulturschock oder so, wie manche sich vielleicht denken könnten, dass ich einen habe. Nein, das ist es nicht. Die Kultur hier ist zwar natürlich in vielen Aspekten sehr anders als meine deutsche Herkunftskultur, aber es geht eher um die vielen, vielen Personen die man hier neu kennengelernt hat, manche die einen an liebe Personen von zuhause erinnern, manche die total anders sind und Charaktere besitzen, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie irgendwo existieren. Einer meiner Elftklässler ist so ein Beispiel. Dieser 14-jährige Junge hat mich in den vier-ein-halb Monaten, die ich bisher am INEPE arbeite, mehr als einmal erstaunt. Aber er ist nur einer von vielen Beispielen für Personen, die einen hier einfach manchmal sehr erstaunen, aber im positiven Sinne! Es ist auch einfach unglaublich, wie schnell die Kinder, mit denen man arbeitet, einem ans Herz wachsen, aber das erwähne ich so gefühlt in jedem meiner Blogeinträge – sorry dafür, haha! Jedenfalls spinnen in meinem Kopf zurzeit sehr, sehr viele Gedanken, bei denen ich gar nicht weiß wo ich anfangen und wie ich sie zu Ende denken soll, aber das ist wahrscheinlich auch Nebensache. Ich hoffe einfach, dass ich mir manche Dinge, zu denen ich mir hier ein neues Verständnis erarbeite beibehalten und auch in Deutschland werde anwenden können. Zum Beispiel die Gastfreundschaft, die so viele Leute hier als etwas so selbstverständliches ansehen, bei der sich mancher anderer eine Scheibe abschneiden könnte. Oder andersrum, die mir immer mehr auffallende Umweltverschmutzung in diesem wunderschönen Land, wo ich einfach nur hoffe, dass die Leute bald ein Verständnis dafür bekommen. Aber genug dazu, mir geht es super und daran ändern auch meine verwirrenden Gedanken nichts! Ich kann mir inzwischen gar nicht mehr vorstellen, mal nicht Teil von der tollen Familie gewesen zu sein, in der ich hier wohne, gerade jetzt in den Ferien ist mir das mehr als einmal aufgefallen! Diese Familie nimmt seit Jahren immer wieder Freiwillige in ihr Haus auf, behandelt aber einfach alle wie ein Teil der Familie, das finde ich mehr als bewundernswert. Auch unsere kleine Gastcousine, mit der wir ein bisschen Startschwierigkeiten hatten, da sie ziemlich schüchtern ist, hat sich mir inzwischen ziemlich gut geöffnet und je öfter wir mit ihr spielen, umso besser wird es auf jeden Fall!

Ich hatte ja im letzten Beitrag erwähnt, dass die Adventszeit hier ein bisschen anders als in Deutschland ist und ich nicht richtig in Weihnachtsstimmung kommen konnte. Das hat sich leider bis Weihnachten nicht geändert, wie deutsches Weihnachten hat es sich nicht angefühlt, aber das war total egal, Bianca und ich haben in dieser Zeit richtig viel mit unserer Gastfamilie gemacht, da die „Novena“ ja jeden Abend stattgefunden hat und wir auch den 24. Und 25. Zuhause verbracht haben. Und ja, dieses Haus mit diesen Leuten ist inzwischen absolut meine zweite Familie geworden – schade, ich würde sie gerne meiner deutschen Familie vorstellen, aber Sprachbarrieren verhindern das ein bisschen, naja was soll man tun, haha! Jedenfalls zur „Novena“: das ist eine Tradition, neun Tage vor Weihnachten jeden Abend zu einem anderen Familienmitglied zu gehen, um dort zu beten und traditionelle Weihnachtslieder zu singen. Danach wird meistens gemeinsam noch gegessen und manchmal noch ein bisschen zusammengesessen. Ich finde es eine sehr schöne Tradition, auch wenn ich persönlich ja weder katholisch noch sonderlich religiös bin. Das war da aber absolute Nebensache, alle in der Familie haben Bianca und mich supersüß aufgenommen und dass wir die Gebete auf Spanisch nicht kannten, hat nichts ausgemacht (inzwischen kann ich AveMaria aber auf Spanisch mitsagen, da das jeden Abend neun Mal für die neun Monate der Schwangerschaft von Maria gebetet wurde). Die traditionellen Weihnachtslieder sind auf jeden Fall auch absolute Ohrwürmer, so viel ist sicher!

Achso und natürlich darf man das Weihnachtsprogramm der Schule nicht vergessen, dass am Sonntag vor den Ferien in der Schule stattfand – bei 25 Grad und viel zu heißer Sonne, ich hatte am Ende vom Tag trotz Kappe und Sonnencreme Sonnenbrand… Jedenfalls musste jede Klasse einen Tanz aufführen, alle hatte Trachten an und haben zu traditioneller Musik getanzt! Die Tänze waren wirklich superschön und ich freunde mich wirklich sehr mit der traditionellen Musik hier an! Auch ich durfte an diesem Tag meine Tanzkünste unter Beweis stellen, die absolut kein Vergleich zu den meisten Leuten hier sind, wirklich jeder der Schüler konnte super gut tanzen! Ich habe bei den 3-4 jährigen bei einem Vogeltanz mitmachen dürfen, das war ziemlich lustig, da ich mehr rumgerannt bin, um die Kinder in Reihe zu halten, als dass ich tatsächlich getanzt habe, aber gut! Und wie das bei der Organisation hier so üblich ist, kamen manche Lehrer zwei Tage vor der Aufführung noch auf die Idee, dass es doch cool wäre, auch noch einen Lehrertanz zu machen – da dachten Bianca und ich, dass wir doch auch einen traditionellen Tanz lernen könnten. Hat dann auch erstaunlich gut geklappt, ein bisschen wuselig war es an der Aufführung dann, aber das war schon oke und jetzt durfte ich auch mal in einer Tracht tanzen, haha!

Die letzten paar Tage vor Weihnachten war die Stimmung in der ganzen Familie aufgrund einer sehr traurigen Nachricht aus der Schule dann etwas gedrückt, aber Weihnachten an sich war dann superschön. Wir sind erst spät abends am 24. Dezember zu einem Familienmitglied gegenüber gegangen, um die letzte Novena zu machen und sind danach dann auf zehn Uhr oder so erst losgefahren, zu dem Teil der Familie, bei dem wir zum Weihnachtsessen eingeladen waren. Wie soll man sich Weihnachten in Ecuador vorstellen? Das haben mich mehrere Leute gefragt. Es ist hier ja so, dass nicht jeder Weihnachten feiert, die indigenen Familien feiern das nicht. Aber zumindest in unserer Familie hat es von den Traditionen am Heiligen Abend an sich schon ein bisschen an zuhause erinnert. Einen Weihnachtsbaum hatte unsere Gastfamilie, genauso wie eine riesige Krippe, jeden Tag bei der Novena durften wir in einem neuen Haus eine riesige Krippe bewundern, also Dekoration ist hier immer möglichst kitschig, habe ich das Gefühl! Als wir dann bei der Weihnachtsfeier angekommen waren, bekamen wir erstmal einen Teller mit gefühlt einem halben Hähnchen und riesigen Streifen von Truthahn aufgetischt – bei Feierlichkeiten wird hier noch mehr Fleisch gegessen als sonst! Nachdem alle gegessen hatten, wurde eine kurze Pause eingelegt und dann wurde getanzt. Und hier ist tanzen ein bisschen anders als auf Partys in Deutschland, wobei zumindest in meiner Familie bei Festen eh nicht so oft getanzt wird, wenn dann bei Freunden. Hier tanzen im Gegensatz dazu dann einfach fast alle mit und nach und nach gehen immer mehr Paare in die Mitte und legen filmreife Tanzszenen hin, das beeindruckt mich jedes Mal wieder! Geschenke wurden zumindest in unserer Gastfamilie nicht wirklich ausgetauscht und am 25. Haben wir dann eigentlich den ganzen Tag nur im Bett verbracht. Und abends ging für Bianca und mich dann eine kleine Reise los: Wir sind zusammen mit Maja und Jacob, zwei anderen Freiwilligen unserer Organisation nach Cuenca, die anscheinend schönste Stadt in Ecuador gefahren.

Nachdem die Nachtfahrt nach Cuenca geschafft war, waren wir schon um 4 Uhr morgens in Cuenca und haben dann am Terminal noch ein bisschen auf die anderen warten müssen. Nach einem Frühstück und dem einchecken ins echt schöne Hostel sind wir dann losgegangen, um die Stadt ein bisschen zu erforschen. Die Stadt ist wirklich wunderschön, hat sich für mich allerdings nicht wie eine Stadt in Ecuador angefühlt, da sie wirklich total anders aussieht. Keine tiefhängenden Stromkabel, keine leerstehenden Häuser und keine Straßenhunde, die Stadt hätte für mich auch in Frankreich oder so sein können. Stimmt ja aber nicht, es ist eine Stadt in Ecuador und eine wunderschöne, mit vielen supercoolen Museen noch dazu. Am nächsten Tag sind Bianca und ich ohne Maja und Jacob, die lieber noch einen Tag in Cuenca bleiben wollten, nach Ingapirca gefahren, wo die best erhaltensten Imkaruinen in Ecuador stehen. Auch wenn es geregnet hat, war es ein cooler Tagesausflug und cool die Ruinen mal zu sehen. Nachmittags sind wir dann wieder in Cuenca angekommen, waren richtig leckere Nudeln essen (manchmal vermisse ich deutsches Essen schon) und haben uns dann mit Jacob und Maja wieder getroffen, um den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Am nächsten Tag sind wir dann in den Nationalpark „Cajas“ gefahren.

Für diesen Tag gibt es kaum Worte, die ihn passend beschreiben können. Die Natur dort war einfach unbeschreiblich. Und es war plötzlich so still – das war etwas ganz besonderes, da es in Quito eigentlich nie still ist und ich das doch ein bisschen vermisst hatte. Das ist mir dann in der Natur dort, wo man nur Regen und uns selber gehört hat, wieder aufgefallen. Wir haben dort eine 6-stündige Wanderung gemacht, zusammen mit zwei Argentiniern und einem Amerikaner. Es war durch den Regen und die Höhe (im Schnitt 4000 m) etwas anstrengend, aber hat sich auf jeden Fall mehr als gelohnt! Die Natur ist einfach zu schön dort!!!

An diesem Abend waren wir dann alle etwas müde, waren dann noch ziemlich lecker essen und sind recht früh zurück ins Hostel gegangen, vor allem da wir am nächsten Tag auch früh loswollten – nach Alausi. Dort hat es einen Zug, mit dem man zur sogenannten „Teufelsnase“ fahren kann. Diese Zugfahrt hatten wir relativ aufwendig reserviert und wollten daher am nächsten Tag früh genug los, um den Zug auf keinen Fall zu verpassen. Ratet mal was uns passiert ist? Ganz genau, wir haben den Zug verpasst. Doof gelaufen, aber passiert. Stattdessen sind wir dann einfach direkt weiter nach Riobamba, eine Stadt ein Stück weiter in Richtung Quito, gefahren. Da wir alle ziemlich müde vom vorherigen Tag waren, haben wir von Riobamba leider bei Tageslicht nichts mehr gesehen, sind dann nur abends noch ein bisschen rumgelaufen und im Endeffekt in einer Karaokebar gelandet, das war witzig! Am nächsten Tag sind wir morgens dann zurück nach Quito gefahren, da Jacob und Maja dort Silvester mit einigen der anderen Freiwilligen verbringen würden und Bianca und ich zurück in unsere Gastfamilie gegangen sind, um mit ihnen Silvester zu feiern.

Silvester war dann auch ein ziemliches Erlebnis – hier hat es einfach so viele Traditionen für diesen einen Abend! Angefangen damit, dass wir morgens am 31. zusammen mit unserer Gastschwester eine Verkleidung als Piraten raussuchen mussten, da das Familienthema für diesen Abend „Fluch der Karibik“ war. Die Verkleidungen sind auch erstaunlich gut geworden und dann ging es daran, eine Stoffpuppe zu basteln, da um Mitternacht hier Stoffpuppen verbrannt werden, die für das schlechte des alten Jahres stehen. Also saßen wir mit Simo und Vale zwei Stunden im Flur und haben genäht und die Puppen (die ziemlich cool aussahen) mit Papier ausgestopft. Danach kam der übliche Fail bei solchen Feiern – Bianca und ich haben uns mit dem richten ein wenig gestresst, da wir spät dran waren und es hieß, dass die Gäste um 17 Uhr kommen würden. Inzwischen sollten Bianca und ich uns eigentlich daran gewöhnt haben, dass die Uhrzeiten eher Vorschläge als irgendwas anderes sind, haben wir aber irgendwie nicht. Jedenfalls haben wir dann in Eile geduscht und uns als Piraten verkleidet und als wir dann runterkamen, war noch niemand da, obwohl es schon halb sieben war. Also sind wir nochmal ein bisschen hoch ins Zimmer, aber um 21 Uhr war unten immer noch nichts los, also haben wir beschlossen, auf eigene Faust ein bisschen die Straßen zu erkunden, da es auch da genügend Traditionen gibt. Ein paar unserer Familie standen auch tatsächlich auf der Straße vor unserem Haus und haben mit einem Seil Autos angehalten, sodass die Kinder im Piratenkostüm hinrennen konnten, um Geld von den Autos zu bekommen. Das war schon ziemlich witzig, aber als wir an die Hauptstraße gekommen sind, dachte ich erstmal echt ich sei im falschen Film – so etwas Lustiges hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen, auch wenn wir sowohl von der Familie als auch unseren Freunden gewarnt wurden! Hier ist eine Tradition, dass sich junge Männer als Frauen verkleiden und auf der Straße Autos antanzen, dafür bekommen sie oft auch aus den Autos Geld! Also wirklich, manche hatten sich für das Kostüm als Frau mehr als ins Zeug gelegt und viele von den Jungs hier haben generell auch einen Hüftschwung drauf, von dem ich nur träumen könnte. Jedenfalls haben wir uns das eine Weile angeschaut und sind dann wieder nach Hause. Um kurz vor zwölf kamen dann auch mal die Gäste, es wurde ein bisschen getanzt und auf zwölf sind wir runter an die Straße, um die Stoffpuppen zu verbrennen – leider in strömendem Regen. Es war trotzdem richtig cool und danach sind wir relativ schnell (wegen dem Regen) auch wieder nach oben, um zu essen. Ich hatte auch ziemlich Hunger, da man das aus Deutschland ja nicht unbedingt gewöhnt ist, an Silvester erst nach Mitternacht zu essen. Jedenfalls stand in unserer Küche einfach ein riesiger Truthahn und ein halbes Schwein rum, also an Essen für diesen Abend hat es auf jeden Fall nicht gemangelt! Nach dem Essen ging dann die Fiesta eigentlich erst richtig los – es wurde getanzt. Und zwar bis fünf Uhr morgens! Cooler Abend kann ich dazu nur sagen!

Dann am 2. ging auch direkt die Schule wieder los, schön, da ich die Kinder so langsam wirklich vermisst hatte, doof, weil ich noch einen Tag zum ausruhen gebraucht hätte. Irgendwie hat man es trotzdem geschafft, den Unterricht nicht total übermüdet durchzuziehen und ich muss sagen, ich hatte den Alltag mit der Unterrichtsvorbereitung am Mittag und den Kindern am Morgen doch etwas vermisst! Die Kinder sind so toll – und die Schulwoche war bei mir auch sehr erfolgreich diesmal, ich hatte das Gefühl, dass die Kinder ruhiger als vor den Ferien waren und bei der Wiederholung wussten die meisten dann doch noch erstaunlich viel, es freut einen einfach, wenn man merkt, dass die Kinder aus dem Unterricht von einem was mitnehmen! Ansonsten war die Schulwoche recht unspektakulär, man musste wieder ein bisschen reinkommen, aber das ging recht schnell wieder. Es war auch ziemlich schnell schon wieder Wochenende, an dem wieder eine Familienfete anstand – die Unigraduation von Gabriel, ich weiß nicht genau wie er mit wem verwandt ist, aber er ist noch recht jung und ich glaube der Neffe von unseren Gasteltern. Dort haben wir dann ein bisschen Volleyball mit den Jugendlichen gespielt, das war ganz cool und danach wurde natürlich wieder getanzt, diesmal sogar noch krasser, da manche von den Jugendlichen einfach abartig gut tanzen konnten, was mich ein bisschen überrascht hat und es dann abschließend sogar zu einem Dancebattle zwischen Männern und Frauen kam, ich kam mir ein bisschen vor, als sei ich in einer ecuadorianischen Version von „Step up“ gelandet! Es war ein mega cooler Abend, aber jetzt freue ich mich wieder auf die nächste Schulwoche!

Für die nächste Zeit haben Bianca und ich noch keine konkreten Pläne, wir wollen Maja und Jacob bald im Dschungel besuchen und bald ist dann ja auch schon das Zwischenseminar, welches in Mindo stattfinden wird – krass wie schnell das jetzt alles ging!

 

 


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