Du hast mir meine Augen geklaut – Halbzeit

Hallöchen, ich melde mich mal wieder aus dem wunderschönen Quito. Nachfolgend habe ich einige Erlebnisschnipsel, die aber einzig aus meiner subjektiven Sicht sind und die nicht auf Ecuador an sich bezogen werden dürfen.

 

Bianca und ich im Bus auf dem Weg in den Dschungel, um Jacob und Maja zu besuchen. Bianca neben mir schläft, ich versuche ein bisschen zu dösen, es ist aber ultraheiß und Hitze und ich kooperieren nicht sonderlich gut. Plötzlich macht der Bus eine eher ruckartige Bremsung, mehrere Männer steigen ein und mustern uns beim vorbeigehen – das liegt zum einen daran, dass wir sehr weit vorne sitzen, zum anderen, dass ich blond bin und das habe zumindest ich bisher in Ecuador nicht von Einheimischen gesehen, nur von den Touristen (ich eingeschlossen) eben. Ein Mann bleibt etwas länger stehen und sagt plötzlich, was man grob übersetzt als „Du hast mir meine Augen geklaut“ beschreiben könnte. Naja, ich bin etwas verwirrt, antworte deswegen gar nichts und tue so, als würde ich schlafen. Nicht die beste Reaktion vielleicht, unhöflich wollte ich nicht wirken, ich war nur etwas verdutzt.

Im Dschungel auf einer Schuarfeier. Wir kommen an, werden auch wieder von allen Seiten gemustert, ist ja auch vollkommen verständlich, wenn da vier „Gringos“ anmarschiert kommen, ich würde uns auch doof anschauen, wenn ich ehrlich bin. Wir stellen uns zu Schuar der Gemeinde, um ein Fußballspiel zu schauen, plötzlich kommen mehrere Männer an und bieten uns Stühle an, dabei stehen die meisten der Zuschauer. Ich mache es Maja und Jacob nach, die wohnen hier ja und nehme den Sitzplatz höflich dankend an. Plötzlich stehen Kindermassen um uns herum. „Warum hast du so komische Haare und Augen?“ „Warum hast du einen komischen Akzent?“ „Was kann ich tun, um auch solche Augen zu bekommen?“ Kinderhände in meinen Haaren. Blonde Haare kennen die Kinder hier wohl nicht.

Immer noch Shuarfeier: Der Name von Majas und Jacobs Gastvater wird aufgerufen, also folgen wir ihm an einen Tisch in der Mitte des Sportplatzes. Es hat lang nicht genug Stühle und Tische, damit sich alle Gäste hinsetzen könnten. Wir nehmen Platz und innerhalb kurzer Zeit wird uns Essen serviert. Oh, Kuh – es wurde wohl extra eine Kuh für die Geburtstagsfeier geschlachtet. Die Leute die keinen Platz an den Tischen haben, sitzen seitlich am Rand und haben auch noch kein Essen, bekommen es nach und nach, während wir am Tisch schon lange fertig sind. Danach werden die Geschenke übergeben und dann wird Musik angemacht, Reggaeton wie überall in Ecuador. Getanzt wird nicht so wirklich, Bianca und ich gehen irgendwann mit den Kindern auf die Tanzfläche und machen einen Tanzkreis. Die Kinder sind sehr süß, wie eigentlich überall!

Unterrichtsstunde mit den 2. Klässlern im INEPE nach fast sechs Monaten als ihre Englischassistenz. Ich hänge Flashcards über „The Beach“ an die Tafel und drehe mich wieder zur Klasse. „Wer von euch mag den Strand?“ Circa 12 Kinderhände schießen in die Höhe, zwei davon fangen wie immer gleich wild auf Spanisch an, Geschichten von ihrer Familie zu erzählen. Ich beruhige die Klasse wieder und frage die anderen 10 warum sie den Strand denn nicht mögen. „Ich war da noch nie!“ „Meine Mama lässt mich da nicht hin, sagt dass da böse Menschen wohnen.“ „Mein Papa wohnt da, ich soll ihn aber nicht besuchen.“ „Meine Oma sagt, wir brauchen das Geld für Schule und nicht für Urlaub“ und vieles mehr kommt als Antwort. Was sagt man darauf? Dann, eine weitere Kinderhand schießt in die Höhe: „Du bist reich oder? Du kannst so oft du willst an den Strand fahren.“ Mh, unrecht hat das Kind da nicht, ich fahre nächste Woche übers Wochenende mit Bianca an den Strand. Sagen tue ich das aber nicht, ich lenke vom Thema ab – warum mache ich sowas?

Unterrichtsstunde mit den 9. Klässlern: Paola, eine der besten in Englisch aus der Klasse kommt am Ende der Stunde nach vorne: „Ich ziehe am Samstag nach Belgien“. Ich lache, da ihre Freundinnen daneben stehen und lachen. Dann frage ich: „Wirklich?“ Sie nickt nur und wirkt etwas bedrückt. Wow, sie kann doch gar kein Französisch und ihre Freunde und Familie sind doch alle hier. Ich lächle sie an, denn was soll man sonst tun? Ich rede ihr positiv zu, sie scheint sich darüber zu freuen und biete ihr an, sie in Belgien mal zu besuchen, schließlich ist es nicht so weit von Deutschland entfernt. Die Freundinnen schauen mit großen Augen – die meisten von ihnen waren noch nie aus Ecuador draußen, daher ist es für viele unvorstellbar, wie leicht man in Europa von einem Land ins andere reisen kann – irgendwie unfair, denke ich mir.

Meine 11. Klässler halten Präsentationen über „The Beatles“. Selten war ich so stolz auf sie wie in dieser Stunde, auch wenn wir eine Weile (wegen des Zwischenseminares) kein Englisch mehr hatten, so hatte doch zumindest der Großteil seine Sachen dabei (keine Selbstverständlichkeit) und trägt es auch sehr solide vor! Sie machen wirklich Fortschritte, mit manchen kann ich leichte Konversationen komplett auf Englisch führen. Grinsend gehe ich aus dem Klassenzimmer raus, den Tag heute kann nichts mehr vermiesen! Zum Abschied geben mir mehrere Schüler einen Wangenkuss oder ein High-Five – wie ich diese Schule und die Kinder lieben gelernt habe!

In der INEPE Cafeteria beim Mittagessen, Hippolyto, der belgische Freiwillige sitzt neben mir. Er unterrichtet soziale Ökologie bei den Oberstufenschülern, auch bei der 13. Klasse – die weder Bianca noch ich in Englisch haben. Er erzählt, dass eine aus der 13. Wohl schwanger sei. Soweit so gut, hier haben viele Frauen früher Kinder, Familie hat hier zumindest von dem was ich bisher mitbekommen habe, einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Was mich eher traurig macht, ist dass er danach erzählt, dass die meisten der Schüler nicht viel über Verhütungsmethoden wüssten – ich selber kenne die 13. Klässler kaum, ich gebe nur wider, was Hippolyto erzählt hat. Klar, es ist eine andere Kultur, aber selbst wenn man sich persönlich dann dafür oder dagegen entscheidet, sollte man (denke ich persönlich) zumindest Grundkenntnisse darüber haben. Nach Absprache mit seiner Kollegin werden die 13. Klässler wohl demnächst zumindest mal eine Unterrichtsstunde darüber machen. Gut!

Ich mache die Tür zu meinen 3-4 jährigen auf und liege auf dem Boden. Huch, fünf Kinder sitzen auf mir und rufen „Teacher Anni“, 8 weitere stehen daneben und grinsen mich an. Es freut mich auch sehr, die Kinder zu sehen, lachend setze ich mich wieder auf und setze die Kinder neben mir auf den Boden. „Good morning!“ sage ich lachend. Ein Chor aus versetzten „Good mornings“ mit zuckersüßen Kinderstimmen schallt mir entgegen. Die Compa steht lachend und kopfschüttelnd in der Tür und versucht die Kinder in einen Stuhlkreis zu koordinieren. Also fangen wir an – Hello Song, dann die tägliche Frage wie es ihnen geht, die mit schreiendem „Happy“ oder „Angry“ beantwortet wird, da sie die beiden Wörter irgendwie zu mögen scheinen. Dann singen wir gemeinsam „If you’re happy and you know it” und die Kinder trampeln mit so viel Kraft wie sie können auf den Boden. Die Farben können sie, die werden im Schnelldurchgang wiederholt und die Tiere können zwar nicht alle perfekt auf Englisch, dafür werde ich angebellt und angezischt, je nachdem was für ein Tier sie gerade sehen. Nach der Stunde habe ich zerzauste Haare und Sabber von mehreren Kindern auf der Hose, aber freue mich schon auf das nächste Mal wenn ich wieder mit ihnen habe.

Wir sitzen auf einer Tribüne beim Carnavalsumzug in Ambato, plötzlich werden wir von hinten und der Seite mit Schaumzeug vollgesprüht, das hier sehr gerne an Fasching verwendet wird (wie wir auch am Tag zuvor schon mit der Familie erlebt haben, Schaum- und Wasserschlacht war angesagt!). Wir drehen uns um, der Schaum läuft mir den Nacken runter, ihh, und schauen mehreren grinsenden Männern und Frauen ins Gesicht. Das schreit nach Rache, also packen wir selber unsere Schaumflaschen aus und sprühen zurück. Ich würde gerne sagen, dass wir gewonnen haben. Leider ist dies nicht der Fall, wir waren wahrscheinlich die „eingeschaumtesten“ von ganz Ambato. Lustiger Abend!

Fahrt nach Mindo zum Zwischenseminar. Wie immer im Langstreckenbus läuft ein schrecklicher, viel zu brutaler Film, in dem viel zu viel Blut spritzt und den man eigentlich gar nicht anschauen will. Leider ist die Lautstärke so laut, dass man ihn nicht ignorieren kann. Also so gut es geht an Schokokuchen und andere schöne Dinge denken. Irgendwann kommt der Busarbeiter und will die Bestätigung, dass wir wirklich in Mindo rauswollen. Wir bestätigen und nach einer Weile sehen wir das Schild von Mindo an der Seite. Irgendwie hält der Bus aber nicht an, sondern fährt weiter. Bianca und ich schauen uns etwas verwirrt an, und rennen halber nach vorne um „Gracias“ zu schreien, damit der Bus anhält. „Oh stimmt, ihr wolltet bei Mindo raus, oder?“ Schuldbewusster Blick vom Busfahrer. Statt anzuhalten, wird erstmal diskutiert, ob man umdrehen könnte. Ich denke mir nur, ohjee den ganzen Weg muss ich ja gleich zurücklaufen. Irgendwann hält er dann doch an und wir laufen durch den Matsch zurück. Einmal lieg ich im Matsch, ups da wars wohl rutschig. Aber gut, in der Hoffnung, dass ich meine Jacke im Hostel waschen kann laufen wir weiter. Im Hostel angekommen, beschließe ich, dass es wahrscheinlich bei der Luftfeuchtigkeit im Nebelwald eh nie wieder trocknen wird, wasche die Jacke aber trotzdem unter dem Wasserhahn aus. Als ich zurück ins Zimmer komme, sieht Bianca halb lachend, halb verzweifelt aus. „Ich habe meine Jacke vor lauter Beeilung im Bus liegen gelassen“ ist ihr Kommentar.

Letzter Tag am Zwischenseminar, wir sitzen im Stuhlkreis und mir wird bewusst, dass wir wirklich schon die Hälfte rum haben. Wow, das ging schnell und gleichzeitig langsam, niemand der nicht hier ist versteht das, habe ich das Gefühl, aber das ist auch okay. Nach einer Honigdusche, bei der jeder einen Zettel voll mit netten Sachen über sich bekommt geht’s dann auch schon wieder heim. Meine Honigdusche lese ich erst zuhause (Quito ist das inzwischen für mich), beschließe ich. Das Zwischenseminar war echt gut, viel geredet mit den anderen Freiwilligen, für meinen Geschmack zu viel über die Zukunft nachgedacht, aber muss auch sein. Franzi und Henrike sind extra aus Deutschland gekommen, es war auch echt cool jemand aus der „Heimat“ dazuhaben, wenn auch etwas unreal. Wir bleiben noch eine Nacht in Mindo, haben ein sehr cooles Hostel und beschließen trotz des Regens (der eigentlich die ganze Woche präsent war) Actionsport zu machen. Also seilen wir uns Wasserfälle ab, mir machts echt Spaß, manche andere sehen eher etwas gequält aus, aber das tolle an unserer Freiwilligengruppe ist, dass man sich gegenseitig anspornen kann und Dinge, die vor einem halben Jahr unvorstellbar gewesen wären, sind jetzt machbar.

Wieder zurück in der Schule nach zwei Wochen. Schüler rennen einen halber um „ich dachte du seist zurück nach Deutschland gegangen“, sagen viele. Ach herrjemine, darüber denke ich gerade gar nicht und gleichzeitig jeden Tag nach. Aber nein, bin doch bis August hier ist meine Antwort. Erleichterung der Schüler, was mich freut, gleichzeitig aber in Bezug auf August auch traurig macht. Egal, nicht zu viel drüber nachdenken, der Standardsatz von Bianca und mir, sobald es um Heimkehr geht, meistens funktioniert es auch echt gut. Aber drüber nachdenken tut man im Endeffekt irgendwann dann trotzdem. Ich streichele meinen Drittklässlerinnen über den Kopf und sage ihnen, dass wir am Freitag Englisch haben, was die Frage aufruft wie viele Tage es noch bis Freitag seien. Als ich „morgen“ sage, hüpfen sie fröhlich pfeifend weg.

Ich lache und falle daher fast vom Bussitz. Immerhin nur fast, mir ist es auch schonmal auf dem Weg in die Schule passiert, dass ich in einer Kurve wirklich auf dem Boden gelandet bin, immerhin Bianca konnte sich an meinem verdutzten Blick damals erfreuen. Martin und Bianca sitzen neben mir, wir sind auf dem Weg zur Ronda, Martin ist über das Wochenende zu Besuch. Wie immer bleibt der Bus an der nächsten Haltestelle stehen, wir befinden uns in der Nähe vom Tejar, das ist beim Centro Historico. Gleich sollte der Bus nach rechts abbiegen. Draußen stehen vor der hinteren Tür 2 Jungs etwa in unserem Alter. Ich denke mir, hä man kann doch nur vorne einsteigen. Ehe ich mich versehe, holt der eine Junge einen Schuhlöffel raus und bricht mal eben die Bustür auf. Schneller als man gucken kann, ist der zweite Junge im Bus, macht einen einzigen Schritt nach vorne, reißt einer Frau ihr Handy beim Telefonieren aus der Hand und ist schon wieder aus dem Bus draußen. Die Frau steht verdutzt auf und sieht sich um, der Junge, schon lange wieder draußen, ist nicht mehr zu sehen. Die Frau setzt sich eher schlecht gelaunt wieder hin und der Bus fährt weiter. Wow, das ging schnell.

Wir kommen im Park an, ich nehme Inecita, die Mama unserer Gastmutter zum Straße überqueren an der Hand, sie ist ja so eine liebe Frau! Im Park angekommen essen wir erstmal Empanadas und ich spiele ein Fußballmatch gegen meine Gastschwester und meinen Gastpapa. Bianca sitzt essend und lachend daneben und guckt zu. Danach spielen wir gegen die Familie 40, ein typisches Kartenspiel in Quito. Bianca und ich spielen schon zu zweit, mit dem Gedanken, dass zwei Gehirne besser als eins bei einem neuen Spiel sind und verlieren trotzdem haushoch. Unser Gastpapa ist aber auch ein ganz schöner Schummler, muss dazu gesagt sein! Er spielt trotzdem super und ich bin durch seine Kommentare das ganze Spiel lang nur am Lachen. Danach machen wir Yoga und Taekwondotherapie mit ihm und unsere Gastmama und Gastoma sitzen lachend daneben! Was für ein Glück ich habe in dieser Gastfamilie gelandet zu sein, denke ich mir und grinse Bianca an. Eine bessere Projektpartnerin hätte ich auch nicht bekommen können. (Und nein das schreibe ich nicht nur, weil sie das auch liest!)

 

So, das waren mal ein paar sehr subjektive Eindrücke aus meinem Leben hier, ich hoffe ihr habt Spaß beim Lesen und seid euch bewusst, dass das alles Einzelfälle sind und hier nicht auf das Leben und die Kultur an sich bezogen werden dürfen! Ich fühle mich jedenfalls pudelwohl hier und bin durch das Zwischenseminar auch mehr als motiviert für meine zweite Hälfte hier. Mein Rückflugdatum steht ja auch schon eine ganze Weile, ich bin mehr als gespannt auf alles was hier und dann zuhause so passieren wird… Also auf eine tolle zweite Hälfte!

 

 

 


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s