Irgendwo zwischen Glück, Wehmut und so vielem mehr

Tick Tick Tick. Das ist zurzeit wahrscheinlich der Gedanke, der am meisten und
öftesten in meinem Kopf herumschwirrt. Was das heißen soll? Ich habe das
Gefühl, dass mir die Zeit davonrennt, egal was ich mache. Ich weiß, eigentlich
bin ich noch nicht mal ganz 9 Monate hier in Ecuador, aber trotzdem ist es schon
Mitte Mai und das Schuljahr neigt sich hier so langsam dem Ende zu, was nicht nur
Bianca und mir schmerzhaft bewusst ist, sondern der ganzen Schule. Egal welcher
Wochentag ist und bei welcher Klasse man vorne an der Tafel steht, die
Klassenzimmeratmosphäre lässt den Schülern anmerken, wie sehr sie sich auf die
wohlverdienten Sommerferien freuen (bisher hatten die Schüler nur über
Weihnachten frei, andere Ferien hat es hier nicht). Einerseits kann ich es total
verstehen, wie sehr die Schüler sich auf die Ferien freuen – wem ging es als
Schüler anders?- aber gleichzeitig will ich nicht, dass die Sommerferien
losgehen, da das für mich zurzeit nur eine Sache bedeutet: Dass ich die Schüler
dann nicht mehr sehen werde. Natürlich habe ich vor, mal besuchen zu kommen,
aber ich bin mir etwas überdeutlich bewusst, dass es wohl nie mehr so sein wird,
wie es grade ist, manche Schüler werden schon Abschluss gemacht haben, sie
wachsen und werden neue Lehrer bekommen und sich vielleicht (besonders die
Kleinen) nicht mehr so gut an mich erinnern. Und das ist auch okay, so soll es
sein und ich wusste schon im Vornherein auf was ich mich einlasse, aber ich kann
nur ehrlich sagen, dass ich noch nicht bereit dafür bin, meine 1. Und 2.
Klässler schon in 2 Wochen und den Rest der Schüler im Laufe des nächsten
Monats in die Ferien zu entlassen. Aber genug des Rumheulens, auch wenn ich
angesichts des Ende der Schulzeit etwas wehmütig bin, so geht es mir doch super
und ich bin so dankbar, dass ich die Chance habe, hier gerade für ein Jahr zu
sein und die Schüler überhaupt kennen darf. Und es ist ja auch etwas
wunderschönes, dass ich die Schüler so ins Herz geschlossen habe, sonst wäre
das Schuljahr bisher sicherlich nicht so cool gewesen wie es das eben war. Aber
jetzt mal zum eigentlich Punkt: Ich habe zwar einen Blogbeitrag über das INEPE
an sich versprochen, beschlossen diesen jetzt aber nochmal zu vertagen und erst
upzudaten, was hier in den letzten paar Wochen los war.
Wie schon erwähnt, war mein Bruder ja zu Besuch, zwei Wochen, direkt nach
Biancas Geburtstag ist er gekommen. Er hat in einem Hostel im Centro gewohnt und
Bianca und ich sind mit ihm ein bisschen durch Quito gelaufen und einen Tag ist
er auch mit mir ins INEPE in meine Klassen gekommen, was die Schüler sehr
gefreut hat, denn wenn ich persönlich zwar nicht finde, dass wir uns wie aus dem
Gesicht geschnitten ähnlich sehen, so fanden das die ganzen Schüler eben schon
und waren davon mehr als ein bisschen fasziniert. Außerdem konnten sie kaum
glauben, dass er überhaupt kein Spanisch kann (in einem Land, wo manche nicht
über viele Länder außer dem eigenen Kontinent Bescheid wissen, ist es für die
Kinder vom INEPE unvorstellbar gewesen, dass jemand die Sprache von ihrem Land
nicht kennen könnte – sie haben wohl vergessen, wie das mit mir die ersten
paar Wochen war, hahaha). Dann sind wir mit Fabi auch über ein Wochenende nach
Banos gefahren, wo wir uns mit den anderen Freiwilligen getroffen haben, um in
Lanas (eine der beiden Macasfreiwilligen) Geburtstag hineinzufeiern. Außerdem
sind wir dort an den Wasserfall des Teufels („del Diablo“) gefahren, der
ziemlich beeindruckend war, da einfach Unmengen an Wasser runtergespritzt sind
und alles in der Umgebung nass gemacht hat (auch wir waren am Ende komplett
durchnässt). Mein Bruder ist danach mit Maja und Jacob, den beiden Freiwilligen
aus dem Dschungel weiter zu ihnen in das Projekt gefahren, um sich den Dschungel
anzuschauen, während Bianca und ich zurück nach Quito mussten, da wir am Montag
ja wieder arbeiten mussten. Also eine weitere normale Schulwoche, mit Stunden,
die manchmal besser und manchmal schlechter laufen, Kindern die einen auf dem
Schulgang überschwänglisch begrüßen und lachen wenn man sich verspricht – Ach
ich werde jedes einzelne meiner Kinderchen vermissen. Eigentlich war für das
nächste Wochenende geplant an den “Quilotoa” zu fahren, aufgrund schlechtem
Wetters haben wir aber beschlossen, das nochmal zu vertagen, haben uns
stattdessen mit meinem Bruder in der Stadt getroffen, um uns auch gleich von ihm
zu verabschieden (zwei Wochen sind gar nicht so lange) und dann sind Bianca und
ich noch nach Tena gefahren, da wir ein verlängertes Wochenende über den 1. Mai
hatten. Tena ist eine Stadt im Dschungel und wunderschön! Für jeden, der mal die Chance hat, nach Ecuador zu reisen sollte sich diese Stadt im Dschungel nicht
entgehen lassen! Die Stadt an sich wirkt auf den ersten Blick zwar wie viele
andere ecuadorianische Städte, außenrum im tatsächlichen Dschungel gibt es
aber super viele Sachen, die man machen kann. Natürlich sollte man aber mit
Hitze und Moskitos kooperieren können (Hitze is nicht grade mein bester Freund
und Bianca und Moskitos mögen sich nicht, also hatten wir in dem Aspekt sehr
viel Spaß haha), da man schon beim Aussteigen aus dem Bus gemerkt hat, dass man
nicht mehr in den Anden ist. In Quito ist die Sonne meistens einmal am Tag für
ein paar Stunden da, ballert dafür in diesen paar Stunden so, dass ich am Ende
vom Tag auch mit Sonnencreme eigentlich immer Sonnenbrand habe, da Quito ja auch
sehr hochgelegen ist. In Tena wiederum war es zwar deutlich heißer und schwüler
als in Quito, die Sonne dafür aber deutlich angenehmer. Was auch sehr
aufgefallen ist, in Quito wird man je nach der Ecke wo man ist unterschiedlich
arg angestarrt, im Centro fällt es mir inzwischen schon fast nicht mehr auf, in
dem Viertel in dem Bianca und ich wohnen dafür immer noch super arg (ist kein
sonderlich touristisches Viertel). In Tena wiederum wurde man schon sehr
angestarrt, dafür wurde uns nicht so oft hinterhergezischt, sondern mehr
“Baby” zugerufen. Das klingt vielleicht komisch das zu lesen, aber ich finde
es mehr als interessant, wie unterschiedlich Leute in verschiedenen Städten auf
uns reagieren. Aber wieder dazu, was wir in Tena gemacht haben. Sonntagabends
sind wir einfach nur angekommen, haben ein Hostel gesucht, gegessen und sind dann
auch schon (zum Glück mit einem Deckenventilator) eingeschlafen, da wir am
nächsten Tag früh zu einer Tierauffangstation loswollten.
Das war dann auch ein ganz schönes Abenteuer am nächsten Tag. Erstmal wurden
wir viermal von verschiedene Busfahrern an verschiedene Busstationen geschickt,
um einen Bus zu finden, der uns an den kleinen Hafen am Fluss fahren sollte, an
den wir mussten. Irgendwann haben wir das dann auch geschafft und saßen mit 7
Männern im Bus, die sich alle kannten (wir haben uns minimal fehl am Platz
gefühlt). Nach 1 einhalb Stunden Fahrt kamen wir dann an dem “Hafen” an, der
wie sich herausstellte aus einem leerstehenden Haus, einem Parkplatz mit einem
heruntergekommenem Truck und Treppen zum Fluss hinunter bestand. Achso, und die 3
netten Hühner darf man natürlich nicht vergessen. Da standen Bianca und ich
also, irgendwo im nirgendwo des wunderschönen Dschungels am Rande eines Flusses
und fragten uns wo die Kanus seien, die uns an die Station bringen sollten…
Irgendwann kam dann zum Glück ein Kanu vorbei, dass uns bis zur Auffangstation
mitnehmen konnte. Kanufahren ist wirklich was cooles, so auf einem Fluss im
Dschungel, das muss man einfach mal sagen! In der Station angekommen, schlossen
wir uns einer Touristengruppe an, um eine Tour zu machen. In der Auffangstation
arbeiten auch Freiwillige, allerdings nur Kurzzeitfreiwillige. Unsere Führung
leiteten aber Einheimische und es war wirklich sehr interessant. Das
Auffangcenter dient dazu, wilde Tiere, die eigentlich in den Dschungel gehören
wieder gesund zu pflegen und möglichst auszuwildern, die fälschlicherweise als
Haustiere gehalten wurden und dadurch ihre Sinne niemals richtig ausbilden
konnten oder diese über den Lauf der Zeit abgestumpft worden. Viele der Tiere
hatten wirklich traurige Geschichten und der Gedanke, dass jemand einen Kaiman in
einer Glasvitrine als Haustier und Touristenattraktion hält macht mich traurig
und wütend zugleich. Aber gut, zum Glück gibt es diese Auffangstation und auch
wenn manche der Tiere wahrscheinlich niemals mehr ausgewildert werden können, so
war es doch schön zu sehen, dass es Leute gibt, die das zumindest versuchen. Wir
schafften es danach auch sicher mit dem Kanu wieder an den “Hafen” und
mussten da dann seehr lange auf den Bus warten. Wir hatten schon Angst, dass gar
keiner kommen würde und haben überlegt, wie wir sonst wohl nach Tena
zurückkommen könnten. Irgendwann kam dann aber doch einer und in Tena wieder
angekommen, beschlossen wir noch mit einer Camionetta an die “Laguna Azul” zu
fahren, eine wunderschöne Lagune, die zwar im Gegensatz zum Namen nicht blau
war, dafür aber grün und mehr als erfrischend, da hat der Regen auch nicht
gestört. Auf dem Rückweg haben wir auch noch andere weltwärtsfreiwillige aus
Ambato kennengelernt, mit denen wir uns unterhalten haben und die uns eine super
Essensempfehlung gemacht haben. Am Fluss sind wir dann nämlich abends
Veggieburger essen gegangen, oh man so was leckeres hatte ich schon lange nicht
mehr gegessen, auch wenn ich das Essen (den Reis, hehe) inzwischen sehr lieben
gelernt habe. Am nächsten morgen haben wir nur noch gefrühstückt, sind auf
einen Aufsichtsturm gestiegen und haben uns dann auch schon wieder auf den
Rückweg nach Quito gemacht, da wir am nächsten Tag wieder arbeiten mussten.
Ahja, in der Woche ging dann auch das im letzten Blogbeitrag erwähnte
Sportturnier weiter, bei dem wir in der Woche davor schon einmal Fußball gegen
die 13er gespielt (und gewonnen!) haben und dann Basketball, bei dem ich mich
mehr als ein bisschen blamiert habe, auch gegen die 13er, aber war trotzdem sehr
lustig. Die 13er Jungs haben mir danach aber trotzdem Respekt gezollt und gelobt,
wie gut ich gespielt habe (war wahrscheinlich nur Mitleid, ich habe mich aber
trotzdem sehr gefreut;) ).
Das Wochenende darauf wurden wir von Juan, einem Cousin unserer Gastschwester
Vale, zu einer traditionellen Tanzaufführung eingeladen – die war super cool!
Manche Tänze haben mich ein bisschen an das Weihnachtsprogramm des INEPE
erinnert, aber es waren nochmal ganz andere auch dabei, es war wirklich
beeindruckend und Juan ist ein begabter Tänzer!
Und letztes Wochenende haben wir es dann endlich(!!!) nach mehr als 8 Monaten auf
den Rucu Pichincha geschafft, den Vulkan in Quito. Wir fuhren samstag morgens
früh los, um mit dem Teleferico auf den Berg zu fahren. Allein das war schon
sehr beeindruckend, wie die riesige Stadt Quito einfach immer kleiner und kleiner
wurde, gleichzeitig man aber einen Blick darauf hatte, wie riesig sie eigentlich
ist und wie weit sie sich über die Berge zieht. Beeindruckend! Wir mussten
natürlich erstmal ganz viele Bilder machen und sind dann noch ein bisschen den
Berg hochgewandert, auf über 4000 Meter ist das ganz schon anstrengend.
Ansonsten ist nicht so viel los, wie gesagt neigt sich das Schuljahr dem Ende zu,
am Freitag waren wir mit ein paar Jungs aus der Familie auf der Ronde tanzen und
gestern abend war eine Familienfiesta, da unser Gastonkel Geburtstag hatte. Ich
freue mich über jeden Tag im Projekt, und bin aber solangsam auch motiviert, an
die Zukunft zu denken, Unibewerbungen sind raus und die Wohnungssuche läuft auch
schon fleißig. Aber erstmal stehen hier noch über drei Monate an, wir müssen
Galapagos demnächst mal noch genauer planen und dann wollen wir ja die Küste
einmal runterreisen am Ende, ein bisschen Urlaub eben in diesem wunderschönen
Land, das wir aus so einer tollen Perspektive kennen dürfen. Aber nicht zu viel
schwafeln, es fehlt immernoch ein Viertel, das ist noch eine lange Zeit und ich
freue mich darauf!
Deswegen verabschiede ich mich jetzt auch mal, ich melde mich bald mal wieder,
vielleicht dann endlich mit dem Blogbeitrag über das INEPE.
Tausend Grüße aus dem wie immer verregneten Quito,
Anni


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