Ein letztes Mal

Ein letztes Mal melde ich mich noch. Inzwischen wieder gut in Deutschland angekommen, zumindest körperlich, sitze ich nun in Köln, meinem neuen zuhause für hoffentlich die nächsten vier Jahre und habe morgen meinen offiziellen ersten Tag als Studentin. Vorkurse überstanden, schon Leute kennengelernt, wohnend in einer WG, klingt alles erstmal sehr cool. Ist es auch, nur ein bisschen komisch, da einem das Jahr, in dem man weg war, plötzlich wie ein weit entfernter Traum vorkommt und das einzige was einem versichert, dass es nicht wirklich ein Traum war, sind Bilder, Kommentare die Freunde machen und die Freunde, die man von dort hat und mit denen man versucht in Kontakt zu bleiben. So viel zu meinem Gefühlsstand, mir geht es sehr gut und ich bin zufrieden wie alles gelaufen ist.

In diesem Blogbeitrag möchte ich mit euch zum einen meinen Abschlussbericht teilen, in dem das Jahr nochmal zusammengefasst ist und euch mein Projekt jetzt endlich mal korrekt vorstellen.

Zuerst, das INEPE:

Das INEPE ist nicht, wie man aus vielen meiner Blogbeiträge vielleicht denken könnte, nur eine Schule, sondern umfasst ziemlich viele verschiedene Arbeitsbereiche. Das Projekt selber bezeichnet sich als gemeinnützige Organisation. Im Süden von Quito, seitlich auf dem Berg im Viertel „Chillibullo“ gelegen, ist das INEPE ein ziemlich großes, orangenes Gebäude, in dem immer Trubel herrscht. In einem Viertel gelegen, in denen eher sozial benachteiligte Familien, oft auch indigener Abstammung wohnen, ist eines der Hauptziele dieses Projektes, eben diese Familien langfristig durch Bildung und Arbeitsstellen zu unterstützen. In Ecuador gibt es Schulpflicht und öffentliche Schulen, jedoch findet in diesen oft nur bedingt langfristige und an Kinder angepasste Schulbildung statt, sodass das INEPE es sich zum Ziel gemacht hat, eine alternative Schulbildung zu entwickeln, nach Vorbild Paul Freires, die nicht nur die typischen Schulfächer wie Spanisch, Mathe und Geschichte abdeckt, sondern auch Interkulturalität, sexuelle Aufklärung, Umgang mit Medien und vieles mehr. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wer denn bitte Paul Freire sei. Das dachte ich mir die ersten Monate im INEPE auch, da man einfach immer wieder gemerkt hat, dass das INEPE, was Schulbildung angeht, in manchen Aspekten, abgesehen von der eh schon anderen Kultur, einfach andere Angehensweisen hat. Paul Freire ist ein brasilianischer Pädagoge, der die Schulbildung revolutionieren wollte und hat. Sein Ziel war es, die Kinder nicht unabhängig von der Welt zu erziehen, sondern er versuchte die Kinder in Einklang mit der Welt zu erziehen, und so aus den Kindern verstehende und offene Personen zu machen. Die Kinder sollen „näher am Leben“ erzogen werden. Schwer zu erklären, aber auf jeden Fall eine sehr interessante Methode, die in zumindest den meisten Fächern auch Anklang zu finden scheint. Ein weiteres Wort, das mich am Anfang zusehends verwirrt hatte, immer wenn es ums INEPE ging, war die „Suzukimethode“. In der Musikschule, auf die ich gleich noch zu sprechen kommen werde, wird besonders Wert auf diese Methode gelegt. Shinichi Suzuki, der Gründer dieser Methode, brachte sich mit 17 anhand von Schallplattenaufnahmen selbst das Geigenspiel bei. Die Methode, die auch als „Muttersprachen-Methode“ bekannt ist, beruht auf der Annahme, dass jedes Kind in der Lage ist, seine Muttersprache perfekt zu beherrschen. Somit wird davon ausgegangen, dass jedes Kind auch in der Lage ist, ein Musikinstrument richtig zu lernen. Die Methode wird daher an das Lernen einer Sprache als Kind angepasst – zu Beginn wird auf Notenlesen verzichtet und man lernt über hören und Nachahmen. Ich persönlich habe dies in der Musikschule am INEPE ausprobiert mit Klavierstunden. Es ist wirklich eine sehr interessante Methode, die vor allem für Kinder sehr gut ist. Ich persönlich muss zugeben, dass es mir manchmal Probleme bereitet hat, keine Noten vor mir stehen zu haben – das liegt aber wahrscheinlich auch daran, dass ich selber Instrumente spiele und es von klein auf mit Noten gelernt habe, sodass der Umstieg halt schwer ist. So jetzt aber mal eine Erklärung abgesehen von den Methoden des INEPEs.

Der Schulbereich des INEPEs besteht aus einem Kindergarten, in den Kinder ab dem 1. Lebensjahr können. Schon hier wird spielerisch angefangen, mit der Methode von Paule Freire die Kinder zu erziehen. Bis zum 5. Lebensjahr bleiben die Kinder normalerweise im Kindergarten, ab dem 3. Lebensjahr habe ich dann auch schon Workshops mit den Kindern zu Englisch gemacht – auf musikalische und sprachliche Früherziehung wird sehr viel Wert gelegt. Mit 5 geht’s dann in die 1. Klasse, von der 1. Bis zur 7. Klasse nennt man das am INEPE als die „Grundschule“. Meistens gibt es im Kindergarten drei Parallelklassen mit jeweils 12-15 Kindern. In der Grundschule werden dann zwei Klassen daraus gebildet, mit jeweils 20-25 Kindern. In der Grundschule hat jede Klasse dann einen Lehrer, der eigentlich alle Fächer außer Sport, Englisch, Gartenarbeit und Musik mit der Klasse durchführt, sodass die Beziehung der Kinder zum Lehrer meistens sehr freundschaftlich oder elternhaft ist. Für viele Kinder ist dies von großer Bedeutung, da viele Kinder nur einen oder gar keinen Elternteil haben. Ab der 7., bis zur 13. Klasse ist dann die weiterführende Schule, die im Gebäude auf der anderen Straßenseite stattfindet. Hier haben die Schüler dann für jedes Fach andere Lehrer und sind später dann auch in größeren Klassen, um sich schon an die Universität zu gewöhnen. In der 13. Klasse machen die Schüler ihr Abitur, mit dem sie dann die Möglichkeit haben, an Universitäten zu gehen. Am INEPE wird sehr viel Wert auf einen engen Kontakt mit den Eltern der Schüler gelegt, da viele Kinder aus schwierigen persönlichen oder wirtschaftlichen Umständen kommen, zum Beispiel werden immer einmal im Monat „Mingas“ (gemeinschaftliches Arbeiten) durchgeführt, zu denen oft auch Eltern eingeladen sind. Hier wird einen ganzen Tag zusammen geputzt oder im Garten gearbeitet und anschließend gibt es ein Festmahl. Nicht nur durch solche Aktionen zeichnet das INEPE sich als alternative Schule aus – die Schüler haben einmal die Woche „Yoga“ und „Aikido“ (eine Kampfsportart) als Schulfach, um nicht nur den Kopf, sondern auch den Körper im Einklang mitzubilden. Des weiteren haben die Kinder Gartenarbeit, da das INEPE einen riesigen, eigenen Schulgarten besitzt, in dem großflächig organische Tomaten, Salat und vieles weitere angepflanzt werden. Dieses Gemüse wird dann im Wohnviertel oder an die Eltern verkauft und verteilt.

Und das coolste an allem: Das INEPE hat eine eigene Musikschule. Hier werden die Instrumente Geige, Querflöte, Blockflöte, Gitarre, Klavier und Cello angeboten, sie in der Suzukimethode zu lernen. Dies ist nichts selbstverständliches in Ecuador, vor allem da Musikunterricht häufig sehr teuer ist. Deswegen, und weil das INEPE keine öffentliche Schule ist, finanziert sich das ganze Projekt über Patenschaften. Wie oben schon erwähnt, gibt es zwar öffentliche Schulen in Quito, trotzdem dominieren die Privatschulen bei weitem – bessere Schulbildung, mehr Fächer, kleinere Klassen, alles in allem einfach bessere Chancen für die Kinder für das weitere Leben. Das INEPE versucht hier den Mittelweg zu finden. Es ist keine Privatschule, wird vom Staat unterstützt, müsste aber für das Angebot trotzdem noch Geld von den Schülern verlangen, was für viele Schüler aber einfach nicht machbar ist. Deswegen gibt es das Patenschaftsprogramm. Es gibt in Europa und den USA verteilt mehrere Partnerorganisationen, die mit dem INEPE in enger Kooperation stehen. Die größte ist wahrscheinlich OneAction in der Schweiz. Über diese Partnerorganisationen gibt es in mehreren Ländern die Möglichkeit Patenschaften entweder generell für das Projekt oder für einzelne Schüler zu übernehmen, sodass man monatlich Geld spendet, um diesen Kindern die Schulbildung zu finanzieren, neue Lehrstellen zu schaffen etc. Ich würde euch das nicht so ausführlich erzählen, wenn ich es nicht wirklich eine tolle Sache fände. Meine Familie selber hat auch eine Patenschaft übernommen und wir bekommen jetzt immer ziemlich süße, selbstgebastelte Karten geschickt und werden über alle Aktionen rund ums INEPE informiert. Falls jemand von euch sich dafür interessiert, kann er sich gerne mal bei mir melden, ich kenne alle Kinder persönlich und weiß auch wirklich wo das Geld hingeht.

Oder unter diesem Link könnt ihr euch mal den Imagefilm vom INEPE anschauen:

Inepe ein Projekt im Herzen Ecuadors

Abgesehen von der Schulabteilung, sind am INEPE einige Person in den Bereichen Kommunikation, Bildungsforschung und Landwirtschaft angestellt, es arbeiten ca. 80 Festangestellte Personen dort, unter anderem sehr viele alleinerziehende Mütter für rund 700 Schüler, für viele ist das INEPE ihr zweites Zuhause.

So, genug über dieses Projekt geredet, also wer sich für eine Patenschaft interessiert, unheimlich gern bei mir melden!

 

Zweitens dann hier noch meinen Abschlussbericht:

Wie die Inepekinder mein Herz stahlen – Abschlussbericht Ecuador 2017-18

„Ein Auslandsjahr ist nicht ein Jahr in deinem Leben, sondern ein Leben in einem Jahr“. Irgendeine sehr kluge Person hat das mal gesagt und früher fand ich diesen Spruch immer etwas übertrieben und habe nur nett gelächelt und zustimmend genickt, wenn jemand diesen Spruch gesagt hat. Jetzt, drei Jahre später sitze ich an meinem Schreibtisch und soll einen Abschlussbericht zu meinem „weltwärts“-Freiwilligendienst in Ecuador schreiben und dieser Spruch ist das erste, was mir zu meinem Jahr einfällt: Plötzlich finde ich diesen Spruch kein bisschen übertrieben, sondern sehr passend.

Aber mal von vorne, ich versuche das alles ein bisschen zu ordnen. Als frischgebackene Abiturientin und ohne jegliche Spanischkenntnisse ging es Ende August des letzten Jahres los nach Quito, die wunderschöne Hauptstadt Ecuadors, die inzwischen mein zweites Zuhause geworden ist. Aufgeregt und voller Vorfreude kamen wir dort an und hatten eine Woche Einführung, die uns Informationstechnisch zwar keine neuen Informationen mehr lieferte aber trotzdem echt toll war. Dann ging es für Bianca und mich nach einer Woche los ins INEPE, unser Projekt und unsere Gastfamilie.

Wenn ich zuvor in meinem Leben einmal dachte, überfordert gewesen zu sein, so war das doch auf jeden Fall kein Vergleich zu den ersten Wochen im Projekt. Das lag aber auf keinen Fall an der Vorbereitung, wir waren sehr gut vorbereitet. Doch da war einfach alles neu und anders.

Unsere Gastfamilie ist eine unglaublich herzliche Familie, von der wir mehr als herzlich aufgenommen wurden, genauso wie von allen anderen Leuten im Projekt auch – trotzdem war es in der ersten Zeit etwas schwierig für mich, da ich mich nicht richtig verständigen konnte. Durch Zeichensprache funktionierte das alles aber trotzdem sehr gut, das ein oder andere Missverständnis sorgte immer wieder für Lacher und ich habe mich vom ersten Moment an pudelwohl gefühlt – sowohl in der Familie als auch im Projekt. Die Aufgabenstellung im Projekt war  sehr anders als erwartet, doch fanden wir uns nach anfänglichen Startschwierigkeiten gut ein und ich hätte mein Aufgabenfeld im Nachhinein auch nicht tauschen wollen.

Das Inepe wurde auf jeden Fall einer meiner Lieblingsorte in Quito. Eine soziale Organisation, im Südwesten der Stadt auf dem Berg in einem Viertel, in dem hauptsächlich sozial benachteiligte und indigene Familien leben, mit einem wunderschönen Blick auf die Stadt- wie könnte das nicht der Lieblingsort von einem werden? 32 Jahre ist die Gründung dieser Schule, die so viel mehr als eine Schule ist her. Basiert auf der Suzuki-Muttersprachenmethode und Paule Freire wird hier eine alternative Schulbildung geboten, bei der auch viel Wert auf Freiwillige, so wie Bianca und mich gelegt wird. Meine Aufgabe war es, als Schulassistenz im Fach Englisch 26 Stunden die Woche in 17 verschiedenen Klassen der Altersstufen 3-17 Jahren Kommunikationsstunden durchzuführen. Ich hatte „Kommunikationsunterricht“ mit den 3-4 jährigen, 1.,2.,3.,7.,8.,9. und 11. Klasse, jeweils immer mit zwei Parallelklassen. Die Klassen hatten immer zwei bis drei Stunden in der Woche bei ihrer Englischlehrerin Unterricht und 1-2 Stunden die Woche führte ich dann Kommunikationsstunden in Kooperation mit der Lehrerin durch, was bedeutet hat, dass ich Themen wiederholt, spielerisch erarbeitet und mit viel Musik, Spielen und Kommunikation die Klasse dazu bringen sollte, mehr Spaß und Motivation am Englisch reden zu bekommen. Dies war wichtig und eine tolle Aufgabe, da viele der (vorallem) Jugendlichen unsicher beim Reden sind und oft auch zu Beginn einfach nicht verstanden, wozu sie das brauchen könnten.

Mein Arbeitsalltag sah dann dementsprechend so aus: Morgens zur ersten Stunde ins Inepe, dann Kommunikationsstunden meistens bis um 13 Uhr, manchmal eine Freistunde, dann Mittagessen im Inepe, nach Hause und 1-2 Stunden Unterrichtsvorbereitung für den nächsten Schultag. Bei den kleinen, bis zur dritten Klasse gestaltete ich die Stunden meistens mit vielen Liedern, Vokabelspielen, Flashcards und Arbeitsblättern zum Malen oder mal Sätze ausfüllen. In der Mittelstufe (7.-9. Klasse) waren die Kinder meistens schon zu alt für Kinderlieder oder Vokabelspiele, also arbeitete ich hier mehr in Gruppen, um kleine Diskussionen oder Präsentationen zu machen, mit Wettbewerben und Pop- oder Rockliedern, die den Jugendlichen gefallen, bei denen wir dann Liedtexte erarbeiteten und sie anschließend auswendig lernten, um sie zu singen. Auch wenn diese Klassen (altersbedingt wahrscheinlich) manchmal recht unmotiviert waren, so konnte man mit Themen, die sie interessierten doch immer eine gute Arbeitsatmosphäre herstellen und meine Beziehung zu diesen Klassen war sehr freundschaftlich. Bei der 11.Klasse machte ich, so oft es ging, Gruppendiskussionen und Präsentationen, was (meistens) auch sehr gut funktionierte. Da diese Schüler fast so alt waren wie ich, war auch hier die Beziehung freundschaftlich, was aber durch die alternative Lernmethode am INEPE sowieso üblich ist.

Im Inepe gab es viele lustige Momente, auch einige meiner Highlights des ganzen Jahres fanden hier statt: Als meine 3-4 jährigen das erste Mal „My name is…“ perfekt und selbstständig sagen konnten, ist wahrscheinlich für immer der Lieblingsmoment aus diesem Jahr, auch wenn es so viele tolle andere Momente gab. Das Weihnachtsprogramm, als alle Klassen traditionelle ecuadoriansche Tänze in Trachten aufführten, gehört auf jeden Fall auch dazu. Andererseits gab es in dem Jahr auch viele Momente, in denen man sich gewünscht hat, an einem anderen Ort zu sein, die aber natürlich auch dazu gehören und die ich trotzdem gegen nichts eintauschen würde. Ich glaube, was mich das ganze Jahr über generell am meisten gestört hat, ist der Machismus, den man dort einfach in so vielen Aspekten merkt und zu spüren bekommt (wenn auch nicht im INEPE). Ich laufe auf der Straße, ich werde angezischt und einem werden Sachen hinterhergerufen, als sei man ein Tier (gut, dazu, dass ich eine Frau bin kam in dem Aspekt zusätzlich noch, dass ich eine „Gringa“ bin, also eine Weiße). Ich erzähle jemand, dass ich danach Ingenieurin werden will, ich werde schräg angeschaut und es wird ganz komisch nachgefragt warum ich das machen will und ob ich nicht lieber eine Familie gründen will. Also erkläre ich meine Absichten und erkläre, dass ich gerne beides will, treffe aber bei manchen Personen da auf Unverständnis. Ist ja auch okay, verständlich irgendwie. Eine Beleidigung, die mir auf der Straße hinterhergeschrien wird, da ich weiß und daher in deren Augen auch reich bin. Naja, vergleichsweise mit der Unterkunft, vor der der Mann sitzt, ist mein Haus in Deutschland halt auch eine Villa. Ich denke, dass ich genau durch solche Begegnungen mit Personen einer so anderen Kultur deutlich selbstreflektierter in manchen Aspekten geworden bin, wie genau, kann ich wahrscheinlich erst in ein paar Monaten oder Jahren sagen. Auf jeden Fall habe ich so viele Eindrücke über diese von meiner so verschiedenen Kultur mitgenommen und auch wenn ich sie wahrscheinlich nie komplett begreifen werde können, so hoffe ich doch, mir ein paar der Eindrücke behalten und auf meine andere Kultur hier anwenden zu können. Und falls es auch „nur“ diese Reklektiertheit oder die Eigenschaft sein sollte, etwas nicht auf den ersten Blick zu urteilen. Sehr oft steckt so viel mehr dahinter, als man das auf den ersten Blick sieht (Eisbergmodell).

Während des Schuljahres waren Bianca und ich nur manchmal am Wochenende unterwegs, da innerhalb des Jahres kaum Schulferien sind. Wochenends haben wir aber, wann immer möglich, andere Freiwillige in ihren Projekten besucht. Der Dschungel hat mir besonders gut gefallen und im August, als Schulferien waren und Bianca und ich noch eine Wand auf dem Schulhof angestrichen haben, waren wir danach noch eine Woche auf den Galapagosinseln und an der Küste. Ecuador ist ein wunderschönes Land, das in der Natur- und Tierwelt unglaublich viel zu bieten hat, sowie auch kulturell.

Als das Schuljahr dem Ende zuging, hatte ich ein ziemliches Gefühlschaos in mir, einfach da ich am liebsten nicht gehen wollte, hauptsächlich auch wegen der Kinder, die mir im Laufe des Jahres ohne dass ich es überhaupt gemerkt habe, das Herz gestohlen haben. Und zwar jedes einzelne dieser Kinder, egal welcher Altersstufe, ob sie laut oder still, fit in Englisch oder nicht waren. Ganz egal. Jede einzelne dieser Personen, auch außerhalb des Projektes hat mir in diesem Jahr so viel gegeben, ich weiß nicht, wie ich das irgendwie jemals an jemanden zurückgeben soll und da erscheint mir mein Herz als Ausgleich ehrlich gesagt ein recht kleiner Preis. Tut mir leid, wahrscheinlich gehört so etwas nicht in einen offiziellen Abschlussbericht, aber ich weiß nicht, was ich sonst schreiben sollte. Aber irgendwie waren die Verabschiedungen dann auch geschafft und im Flieger nach Hause habe ich mich dann doch auch wieder auf zuhause gefreut, auf die Familie und Freunde, die man so lange nicht mehr gesehen hat. Trotzdem war es ein eher zerrissenes Gefühl, einfach da ich weiß, dass ich in Quito, am anderen Ende der Welt jetzt ein zweites Leben habe, das zumindest von meiner Seite aus nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird. Und die Kinder dort werden im Laufe ihres Lebens bestimmt noch mehr Leuten als nur mir das Herz stehlen, aber das ist schon okay.

Jetzt bin ich also zurück in Deutschland, eigentlich direkt nach Köln umgezogen und fange an, dort Rettungsingenieurwesen zu studieren. Ich freue mich, bin froh auch wieder hier zu sein und habe mir gleichzeitig so viel und nichts vorgenommen, generell und aus Ecuador. Das Wichtigste ist glaube ich, dass ich diese innere Ruhe und Entspanntheit in manchen Aspekten behalten möchte. Ich möchte etwas reflektierter an Sachen rangehen und einfach auch drandenken, dass es Leute gibt, denen es wirtschaftlich deutlich schlechter geht, aber eben auch welche die mit sehr viel weniger besser auskommen zu scheinen.

Mein persönliches Fazit zu dem Jahr ist daher: Für mich selber war es wahrscheinlich das Beste, was ich hätte tun können. Wie weltwärts sich für die Projekte oder Gastländer auswirkt, kann ich nicht sagen, am INEPE an sich denke ich, dass es eine gute Sache ist, die Kinder haben Kontakt mit Leuten aus einer fremden Kultur und können einen kennenlernen und geben einem doch trotzdem so viel mehr, als man ihnen jemals zurückgeben könnte. Diese pure Liebe ist etwas Wunderschönes und irgendwie Unbegreifliches. Dass man mit so einem weltwärts-Freiwilligendienst nicht die Welt verändert ist hoffentlich jedem bewusst, aber ist so ein Lächeln, dass man einem Kind aus einer fremden Kultur durch einen Witz oder eine kleine Sache ins Gesicht zaubern kann, nicht auch sehr viel Wert? Deswegen denke ich, dass weltwärts, je nachdem wie es eingesetzt wird, zwar wahrscheinlich den deutschen Jugendlichen (alias mir) zwar vergleichsweise viel mehr bringt, als den Leuten vor Ort, aber ein großer Kulturaustausch stattfindet, dessen Wert man oft unterschätzt. Die Kinder aus dem Inepe werden zumindest hoffentlich nie Kinder werden, die Leuten, die anders aussehen auf der Straße Beleidigungen hinterherrufen – wer weiß wie das wäre, wenn sie nie Kontakt mit ausländischen Freiwilligen hätten? Danke.

Ja, das wars dann von meiner Seite aus. Danke an alle, die dieses Jahr so unvergesslich gemacht haben, ich hätte es mir wirklich nicht besser vorstellen können. AnniinEcuador wird jetzt wohl zu AnniinKöln. Tschüss 🙂


2 Gedanken zu “Ein letztes Mal

  1. Endlich ganz zum Schluss auch ein Kommentar von Deinem Paps: Ich bin wirklich stolz auf Dich – wie Du dieses Jahr durchgezogen hast, wie Du erwachsen geworden bist und einen neuen, eigenen Blick auf viele Dinge entwickelt hast, die Dir vorher selbstverständlich waren- das hat meinen allergrößten Respekt verdient, Töchterle!
    Behalte diese offene Art und halte den Kontakt zu Deinen neuen Freunden auf der anderen Seite der Welt. HDL.

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